{"id":228,"date":"2020-05-05T08:57:15","date_gmt":"2020-05-05T08:57:15","guid":{"rendered":"https:\/\/jg-michelsberg.com\/?page_id=228"},"modified":"2021-07-18T13:44:52","modified_gmt":"2021-07-18T11:44:52","slug":"vielfalt-des-judentums","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jg-michelsberg.com\/index.php\/vielfalt-des-judentums\/","title":{"rendered":"Vielfalt des Judentums"},"content":{"rendered":"\n<p>Nur die Kenntnis \u00fcber die Vielfalt des Judentums erlaubt es, eine richtige Vorstellung \u00fcber das Judentum zu entwickeln. Es gibt nicht &#8222;die Juden&#8220;, sondern sehr verschiedene religi\u00f6se und kulturelle Identit\u00e4ten, die unterschiedlichen Str\u00f6mungen des Judentums zugeordnet werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren im Wesentlichen die Orthodoxe, die Konservative, die Liberale und die Rekonstruktionistische Str\u00f6mungen des Judentums. Die letzteren drei Str\u00f6mungen werden als progressive Bewegung des Judentums oder als Reformjudentum bezeichnet. Bereits vor \u00fcber 150 Jahren geh\u00f6rte die absolute Mehrheit der Juden in Deutschland dem Reformjudentum an.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutschland als Wiege des Reformjudentums.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Reformjudentum in Wiesbaden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp; 19. Jahrhundert&nbsp; war&nbsp; in&nbsp; Wiesbaden&nbsp; Rabbiner&nbsp; Abraham&nbsp; Geiger&nbsp; t\u00e4tig. Er war einer der ersten und&nbsp; wichtigsten Vertreter des&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liberales_Judentum\">Reformjudentums<\/a>&nbsp;in Deutschland. Dessen Namen tr\u00e4gt das erste nach der Shoah gegr\u00fcndete Rabbinerkolleg in Deutschland. Abraham Geiger pl\u00e4dierte f\u00fcr eine Anpassung historisch bedingter religi\u00f6ser&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ritual\">Ritualgesetze<\/a>&nbsp;an die Gegenwart. Als sein Hauptwerk gilt&nbsp;Urschrift und \u00dcbersetzungen der Tora&nbsp;(1857), in dem er postulierte, dass sich die fr\u00fchen Rabbiner der Mischna um eine Liberalisierung und Demokratisierung des&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Halacha\">j\u00fcdischen Gesetzes<\/a>&nbsp;bem\u00fcht h\u00e4tten. Innerhalb der Reformbewegung des Judentums setzte sich Geiger unter anderem f\u00fcr die <strong>Gleichberechtigung der Geschlechter<\/strong>, f\u00fcr die <strong>Vereinfachung und Verk\u00fcrzung des Gottesdienstes<\/strong>, f\u00fcr den <strong>Gebrauch des Deutschen in der j\u00fcdischen Liturgie<\/strong>, f\u00fcr die <strong>Selbstbestimmung beim Einhalten des Schabbats sowie der Speisegesetze<\/strong> und f\u00fcr den <strong>Verzicht auf die Beschneidung der j\u00fcdischen Jungen<\/strong> ein.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 30%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"201\" height=\"269\" src=\"https:\/\/jg-michelsberg.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Wiesbaden_Alte_Synagoge.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-383 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-large-font-size\">Alte Synagoge Wiesbaden auf dem Michelsberg im maurisch-byzantinischen Stil.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1869 errichtete die gr\u00f6\u00dfte J\u00fcdische Gemeinde Wiesbadens die Reformsynagoge am Michelsberg. Diese Gemeinde war eine progressive J\u00fcdische Gemeinde im Sinne von Abraham Geiger. Diese stand f\u00fcr die Integration, Demokratisierung sowie f\u00fcr die Anpassung religi\u00f6ser&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ritual\">Ritualgesetze<\/a>&nbsp;an die Gegenwart. Von den knapp 3.000 Wiesbadener Juden geh\u00f6rten der orthodoxen Gemeinde Wiesbadens in der Friedrichstrasse zu keinem Zeitpunkt zwischen 1869 und 1942 mehr als 50 Familien an.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:45% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"512\" height=\"768\" src=\"https:\/\/jg-michelsberg.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Wiesbaden_Synagogue_Burning_4408567277.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-382 size-full\" srcset=\"https:\/\/jg-michelsberg.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Wiesbaden_Synagogue_Burning_4408567277.jpg 512w, https:\/\/jg-michelsberg.com\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Wiesbaden_Synagogue_Burning_4408567277-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-large-font-size\">Die Synagoge wurde wie viele andere am 9.\/10. November 1938 zerst\u00f6rt.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1938 wurde die Reformsynagoge zerst\u00f6rt. Die Mitglieder der J\u00fcdischen Reformgemeinde wurden, wie auch alle anderen in Deutschland lebenden Juden, deportiert und zum gr\u00f6\u00dften Teil ermordet. Dazu z\u00e4hlten auch die Personen, die einen j\u00fcdischen Vater hatten. Viele nichtj\u00fcdische Ehepartner sind mit ihren Lieben in die KZs mitgegangen und wurden ebenfalls ermordet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Entwicklung des progressiven Judentums und seine Bedeutung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die in Deutschland entstandene progressive Bewegung des Judentums verbreitete sich in der ganzen Welt. Seitdem hat sich die Weltunion der Progressiven Juden, zu der die Rekonstruktionistische Str\u00f6mung des Judentums geh\u00f6rt, zur gr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Bewegung der Welt entwickelt, die zurzeit in fast 40 L\u00e4ndern mehr als 1,5 Millionen Mitglieder z\u00e4hlt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Judentums in Deutschland und in der Welt ist mehr als eine Ausgrenzungs-, Verfolgungs-, Vernichtungs- und Opfergeschichte. Man darf diese nicht auf die Schoah (eine Katastrophe\/Massenvernichtung der Juden zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft) beschr\u00e4nken. Der Beitrag von j\u00fcdischen Pers\u00f6nlichkeiten zum wissenschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritt Deutschlands und in der Welt ist von enormem Wert. Das progressive Judentum machte es m\u00f6glich, da die j\u00fcdische orthodoxe Sichtweise entsprechende T\u00e4tigkeiten eingrenzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>J\u00fcngste Geschichte des Judentums in Deutschland<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1990 siedelten nach Deutschland \u00fcber 200.000 j\u00fcdische B\u00fcrger aus den ehemaligen UdSSR-L\u00e4ndern um. Diese Menschen bilden absolute Mehrheit fast jeder J\u00fcdischen Gemeinde in Deutschland. Eine erhebliche Anzahl der Personen, die als Juden nach Deutschland gekommen sind, um hier j\u00fcdisches Leben wiederaufzubauen, sind so genannte Vatersjuden (Menschen, die einen j\u00fcdischen Vater und eine nichtj\u00fcdische Mutter haben). Diese wurden von den bestehenden j\u00fcdischen Gemeinden als Mitglieder nicht aufgenommen, da sie laut der orthodoxen Sichtweise nicht als Juden gelten. Die Rekonstruktionistische Str\u00f6mung des Judentums sowie die Weltunion der progressiven Juden hei\u00dfen die Vatersjuden in Ihren Gemeinden herzlich willkommen. Sie sind gleichberechtigte Mitglieder der progressiven J\u00fcdischen Gemeinden der Welt. In Anbetracht der Deutschen Geschichte ist diese Vorgehensweise in Deutschland l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rekonstruktionistische Str\u00f6mung des Judentums<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rekonstruktionisten definieren das Judentum als eine sich entwickelnde Zivilisation, die Religion, Geschichte, Literatur, Kunst, Musik, Land und Sprache umfasst. Durch gemeinsames Erleben der Traditionen, Feste, kulturellen Veranstaltungen, Auseinandersetzungen mit j\u00fcdischer Lehre bekr\u00e4ftigen wir unser Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zum J\u00fcdischen Volk.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Judentum wurde durch rabbinische Auslegungen der Tora im Laufe der Jahrtausende immer weiterentwickelt und ver\u00e4ndert. So wurde zuerst die J\u00fcdischkeit durch den Vater weitergegeben. Erst vor ca. 2000 Jahren wurde es rabbinisch beschlossen, dass die J\u00fcdischkeit durch die Mutter weitergegeben wird. Deshalb beh\u00e4lt sich die Rekonstruktionistische Str\u00f6mung des Judentums das Recht vor, zu behaupten, dass beides richtig ist. Die Rekonstruktionisten glauben, dass Juden das Recht und die Verpflichtung haben, das Judentum zu rekonstruieren, damit es mit unserem Leben in der Gesellschaft realistisch vereinbar ist und im Einklang steht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gestalten das Judentum mit, wie es die j\u00fcdischen Gelehrten immer getan haben. So f\u00fchrten die Rekonstruktionisten eine Bat Mitzvah ein (Fest religi\u00f6ser M\u00fcndigkeit eines M\u00e4dchens). Diese Tradition wurde von allen anderen Str\u00f6mungen des Judentums \u00fcbernommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur die Kenntnis \u00fcber die Vielfalt des Judentums erlaubt es, eine richtige Vorstellung \u00fcber das Judentum zu entwickeln. Es gibt nicht &#8222;die Juden&#8220;, sondern sehr verschiedene religi\u00f6se und kulturelle Identit\u00e4ten, die unterschiedlichen Str\u00f6mungen des Judentums zugeordnet werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren im Wesentlichen die Orthodoxe, die Konservative, die Liberale und die Rekonstruktionistische Str\u00f6mungen des Judentums. 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